Nov
28
2004

Friedrichshafen, DE (Messehalle)

  (0) Comments
With Chris Botti

SHOW REVIEW

Der britische Rockstar zum Besten gehört...

Der Mann hat's einfach drauf: Mit einem anspruchsvollen und in jeder Hinsicht hörenswerten Konzert zieht Sting am Sonntagabend 5,500 Musikfans in Friedrichshafen in seinen Bann. Nach exakt zwei Stunden ist klar, dass der britische Rockstar zum Besten gehört, was das Genre zu bieten hat.

'So Lonely', der Police-Hit von 1978, ist nicht dabei. Und auch um 'Soul Cages' macht Gordon Sumner, wie der 53-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt, an diesem Abend einen großen Bogen. Schade, mögen viele Fans denken, weil die allermeisten von ihnen doch wegen der Klassiker in die Neue Messe gekommen sind. Trotzdem schafft es Sting mit einem ausgeklügelten Arrangement, die Besucher volle 120 Minuten zu fesseln.

Los legt er mit 'Send Your Love' und viel Tempo. Aufreizend lässig zupft der Brite an seinem Bass. Das Instrument ist schäbig, der Lack ist ab. Zu hartem Beat und bunten, manchmal politischen und oft erotischen Videobildern breitet Sting die Arme weit aus. Soll heißen: ''Schaut her, ich bin es, einer der letzten echten Künstler unter den Meinen.'' Irgendwo zwischen Arroganz und berechtigtem Selbstbewusstsein ist diese Attitüde angesiedelt - übel nimmt ihm das in Friedrichshafen niemand.

Sting ist der perfekte Musiker - seit mehr als 30 Jahren. Zeitlos gut kommt am Sonntagabend seine Live-Variante von 'Roxanne' rüber. Und bei 'Every Breath You Take' möchte man ihm zurufen: ''Lass diesen Song bitte niemals enden!'' Die Stücke sind so abwechslungsreich wie seine Karriere. Harter Rock, lyrische und jazzige Momente, alles wirkt wie ein großes Ganzes. Mit Trompeter Chris Botti, der schon im Vorprogramm überzeugt, wird die Show schließlich zur Jam-Session. Später beweist eine der beiden Background-Sängerinnen bei 'Whenever I Call Your Name', was eine wirklich gute Stimme ausmacht. Charmant überlässt ihr der Meister die Bühne. Wird hier etwa gerade improvisiert?

Nein, Improvisation ist nicht die Sache von Gordon Sumner. Jeder Akkord sitzt, jedes Video hat eine Botschaft. Und jenes Rot, das die Bühne zu 'Sacred Love' in ein Striptease-Lokal verwandelt, hat der Chef ganz sicher höchstpersönlich ausgesucht. Ebenso genial wie distanziert wirkt die ganze Veranstaltung. Kommunikation mit dem Publikum findet kaum statt. Der Star trägt sich selbst. Wie Mick Jagger oder auch Bob Dylan kann Sting nicht wirklich gut singen, aber seine Stimme ist unverwechselbar und damit Musikgeschichte. Das sollte reichen! 5,500 Fans verlassen um 23.05 Uhr bestens gelaunt die Neue Messe. Die 60 Euro sind gut angelegt. Immerhin hat jede Minute Sting 50 Cent gekostet. Davon muss gezehrt werden. Auf dem Heimweg, beim Blättern in alten Police-Alben - oder wenn man sich mal wieder erinnern will, was wirklich gute Rockmusik ist.

Schaut her, ich bin es: Sting zeigt 5,500 Fans in der Neuen Messe Friedrichshafen, wie sich wirklich gute Rockmusik anhört. Wer ihn verpasst hat, darf sich ärgern.

(c) Schwäbische Zeitung by Andreas Mühl

(0) Reviews and Comments