Was wäre Sting ohne Police?
Sting zieht intime Orte vor auf seiner ''Broken Music Tour''. Für das einzige Konzert im deutschsprachigen Raum stieg er im Bregenzer Wald ab.
Dienstag in Montreux, Donnerstag in Luxemburg, dazwischen Halt am Bodensee: Sting ist fast täglich auf Achse mit seiner ''Broken Music Tour'', und das seit über einem Jahr. Mit drei Mitmusikern nur und, oft, der Band ''Fiction Plane'' seines Sohns Joe Sumner. In Alberschwende, einem Flecken 6 Kilometer hinter Dornbirn, platzt das Gewitter mitten in deren Aufwärmrunde.
Ihr Brit-Rock gefällt, Joe Sumners hoher Gesang erinnert an Vaters Stimme, in der Open-Air-Arena macht sich frohe Feierabendstimmung breit. 6,000 sind gekommen, 1,500 mehr hätten Platz gehabt. Wie an einer Sommerparty kommt man sich vor. Dann detoniert 'Message in a Bottle' auf der Bühne. Der Police-Klassiker gibt Ton und Tempo vor, mit 'Synchronicity II' beweist Sting, wie perfekt er noch immer phrasieren kann, dann erinnert er an seine Solozeit ('If I ever Lose my Faith in You'), mit 'Walking on the Moon' kehrt er zurück zu Police. Damit ist der Abend abgesteckt: viel Police, weniger aus der Solozeit.
Immer wieder fällt der Applaus auch zwischen die Strophen, besonders beim 'Englishman in New York'. Die Leute mögen den blonden Briten, aber mehr noch lieben sie es, wenn er die alten Police-Sachen anstimmt. Vor allem die Grauhaarigen, die mit 'Every Breath You Take' aufgewachsen sind. Oder Lisa und ihr Mann Vito (ein Salmsacher), die aus St. Gallen hergekommen sind und ganz vorn stehen. ''Sting ist offener, witziger geworden'', sagt Lisa und vergleicht mit ihrem letzten Konzertbesuch 1991 in Zürich.
Sting klingt auch nicht mehr so bleiern und nach Weltmusik-Pop wie noch vor zwei Jahren auf seiner ''Sacred Love''-Tour. Er grinst ins Publikum, steht stoisch fast den ganzen Abend hinter seinem abgegriffenen Fender-Bass. Reden will er nicht mit den Zuhörern, das enttäuscht, und zwischen den Musikern wünscht man sich mehr spontanen Austausch - allzu eingespielt klingt die Band: Ex-McCartney-Drummer Abe Laboriel und die beiden Gitarristen Lyle Workman und Dominic Miller, mit dem Sting seit 15 Jahren spielt.
Manchmal drückt die Routine durch, und nicht alle Stücke werden mit der- selben Lust gespielt. Und die sanften Sachen wie 'Shape of My Heart', bei denen sich die Band sichtlich schwerer tut, kommen nicht so recht an. Umso mehr gefällt ein (sehr freies) 'Fields of Gold' und, mitten im Konzert, der einzige Cover-Song: 'Day in the Life' von den Beatles, eigentlich nicht zu kopieren. Stings minimalistische Interpretation vermittelt eine Idee davon, wie das Lied geklungen hätte, hätten die Beatles es je live gespielt.
Mit 'Roxanne' ist Schluss. In Montreux mochte Sting den Police-Klassiker noch zu einer 20-minütigen Improvisation über den Refrain ''turn on the red light'' dehnen, in Alberschwende muss die halbe Zeit ausreichen. Vier Zugaben gibts, nach Plan, die letzte ist 'Fragile', die vom Regen singt und von unserer Zerbrechlichkeit. Da ist Sting ganz sich selber. Dann wird rasch zusammengepackt, Luxemburg wartet.
(c) Thurgauer Zeitung by Dieter Langhart