Songs From The Labyrinth
Mar
10
2007
Vienna, ATKonzerthaus
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Konzerthaus: 'Message in a Bottle', 400 Jahre alt...

Popsänger singt Renaissance-Musik: John Dowland hat Stings Fürsprache nicht nötig. Aber sie schadet auch keinem von beiden.

Nein, mitgesungen hat niemand. Weder bei John Dowland noch bei Sting - obwohl zumindest bei dessen eigenen paar Nummern einige Fans im Großen Konzerthaussaal ehrfürchtig den Text wenigstens mitzuflüstern wagten. Die Reaktionen hielten sich überhaupt im Rahmen: höflicher Jubel nach jeder Nummer, und zuletzt, ja, stand man artig auf. Aber gebrodelt haben sie nicht, die musikerzeugten Emotionen. Vielleicht, weil man bei Dowlands Songs einfach besser, oder zumindest: anders zuhören muss.

Heute sei eben der Sänger das wichtigste, meint der bosnische Lautenspieler Edin Karamazov, dann käme die Musik, schließlich der Text - genau umgekehrt wie um 1600. Trotzdem oder gerade deshalb war es Karamazovs Idee, Sting auf Dowland anzusetzen. Ein Jahr lang haben die beiden an einer CD gearbeitet, deren Programm sie jetzt live präsentieren. Nun, Dowland war ja Kummer gewöhnt, möchte man ätzen. (Die Ablehnung am englischen Hof hat ihn 18 Jahre lang tief deprimiert.) Doch Stings Rückwendung in die Elisabethanische Epoche ist zwar unter ''Crossover'' zu rubrizieren, die Alarmglocken darf man aber trotzdem getrost abstellen. Denn hier wird keine zuckrige Soße über das Original gegossen: Sting singt einfach Dowland - ohne dass krude Neufassungen das Bild trübten. Das übernimmt schon seine Stimme, die natürlich nicht über die entrückte Schönheit im Stil der Zeit geschulter Sänger verfügt: Dieses Element bringt die Londoner Gruppe ''Stile Antico'' ein, die sich bei einigen Nummern als exzellenter, leider von der Tontechnik im Hintergrund gehaltener Background-Chor verdingt.

Sting dagegen, von Karamazov und/oder sich selbst auf der Laute begleitet, versucht mit seiner ganz normalen, auch mal heiser knarzenden Stimme, Dowlands Songs aktuellen Zuschnitt zu verpassen. Wo es nötig scheint, kehrt er jene Aufmüpfigkeit hervor, die in vielen Alte-Musik-Interpretationen suspendiert ist - etwa, wenn er 'Can she excuse my Wrongs' mit Zorn und Galle auflädt. Und ein zeitloser Hit wie 'Come againe: Sweet love doth now envite' erhält in seiner Auslegung eine verstärkt erotische Qualität. An wirklich begnadete Anverwandlung streift er aber nie: Dazu bleibt sein Ausdrucksrahmen, bleiben seine Variationsmöglichkeiten doch zu begrenzt. Wo es, wie bei 'Fine Knacks for Ladies', um peppigen Schwung geht, hätte man lieber ''Stile Antico'' allein gehört - ohne den unnötigen Solisten. Nicht bloß nötig, sondern unabdingbar war Karamazov: Stets präsent und hilfreich, bei den eingestreuten Lautenduetten selbstverständlich führend, machte er eingangs sogar Bachs Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 zu einem Stück intimer Virtuosität - und baute ein nötiges Nachstimmen fast unmerklich ein.

Popsänger singt Renaissance-Musik: John Dowland hat Stings Fürsprache nicht nötig. Aber sie schadet auch keinem von beiden.

Nein, mitgesungen hat niemand. Weder bei John Dowland noch bei Sting - obwohl zumindest bei dessen eigenen paar Nummern einige Fans im Großen Konzerthaussaal ehrfürchtig den Text wenigstens mitzuflüstern wagten. Die Reaktionen hielten sich überhaupt im Rahmen: höflicher Jubel nach jeder Nummer, und zuletzt, ja, stand man artig auf. Aber gebrodelt haben sie nicht, die musikerzeugten Emotionen. Vielleicht, weil man bei Dowlands Songs einfach besser, oder zumindest: anders zuhören muss.

Heute sei eben der Sänger das wichtigste, meint der bosnische Lautenspieler Edin Karamazov, dann käme die Musik, schließlich der Text - genau umgekehrt wie um 1600. Trotzdem oder gerade deshalb war es Karamazovs Idee, Sting auf Dowland anzusetzen. Ein Jahr lang haben die beiden an einer CD gearbeitet, deren Programm sie jetzt live präsentieren. Nun, Dowland war ja Kummer gewöhnt, möchte man ätzen. (Die Ablehnung am englischen Hof hat ihn 18 Jahre lang tief deprimiert.) Doch Stings Rückwendung in die Elisabethanische Epoche ist zwar unter ''Crossover'' zu rubrizieren, die Alarmglocken darf man aber trotzdem getrost abstellen. Denn hier wird keine zuckrige Soße über das Original gegossen: Sting singt einfach Dowland - ohne dass krude Neufassungen das Bild trübten. Das übernimmt schon seine Stimme, die natürlich nicht über die entrückte Schönheit im Stil der Zeit geschulter Sänger verfügt: Dieses Element bringt die Londoner Gruppe ''Stile Antico'' ein, die sich bei einigen Nummern als exzellenter, leider von der Tontechnik im Hintergrund gehaltener Background-Chor verdingt.

Sting dagegen, von Karamazov und/oder sich selbst auf der Laute begleitet, versucht mit seiner ganz normalen, auch mal heiser knarzenden Stimme, Dowland's Songs aktuellen Zuschnitt zu verpassen. Wo es nötig scheint, kehrt er jene Aufmüpfigkeit hervor, die in vielen Alte-Musik-Interpretationen suspendiert ist - etwa, wenn er 'Can she excuse my Wrongs' mit Zorn und Galle auflädt. Und ein zeitloser Hit wie 'Come againe: Sweet love doth now envite' erhält in seiner Auslegung eine verstärkt erotische Qualität. An wirklich begnadete Anverwandlung streift er aber nie: Dazu bleibt sein Ausdrucksrahmen, bleiben seine Variationsmöglichkeiten doch zu begrenzt. Wo es, wie bei 'Fine Knacks for Ladies', um peppigen Schwung geht, hätte man lieber ''Stile Antico'' allein gehört - ohne den unnötigen Solisten. Nicht bloß nötig, sondern unabdingbar war Karamazov: Stets präsent und hilfreich, bei den eingestreuten Lautenduetten selbstverständlich führend, machte er eingangs sogar Bachs Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 zu einem Stück intimer Virtuosität - und baute ein nötiges Nachstimmen fast unmerklich ein.

Dazwischen gab's sanfte Lektionen in Musikgeschichte. Dass Dowland schließlich doch noch die ersehnte Anstellung in London erhielt, wurde nicht erwähnt: Das passte wohl nicht in das Bild des melancholischen ''Singer-Songwriters'' von anno dazumal, der in Europa sein Glück versuchen musste.

Nach dem rhythmischen und harmonischen Reichtum der Dowland-Songs wirkten Stings Zugaben ('Fields of Gold' u.a.) weniger schlicht als simpel, sogar ein bisschen platt. Ob im Jahr 2400, wenn nur mehr Alte-Musik-Freaks sowohl 'Message in a Bottle' als auch 'In Darkness let mee dwell' kennen, wieder ein Revival ansteht? Falls ja, tippe ich auf John Dowland.

(c) Die Presse by Walter Weidringer



Elisabethanische Musik mit Sting in Wien...

Vor der Police-Reunion tourt Sting mit Musik von John Dowland (1563 - 1626) durch Europa und machte im Wiener Konzerthaus halt.

Taufrisch ist sie nicht mehr, die ''New Wave'', die Sting am gestrigen Samstag im Wiener Konzerthaus präsentierte: Der britische Popstar hat sich der Musik des englischen Lautenspielers John Dowland verschrieben. Und die ist immerhin fast ein halbes Jahrtausend alt. Doch was Sting, der bosnische Lautenist Edin Karamazov und der Londoner Chor Stile Antico auf die Bühne brachten, war so ungewöhnlich wie lebendig. Pop-Begeisterung für Alte Musik im ausverkauften Konzerthaus.

Der Renaissance-Musiker Dowland erlebt mit seinen Lauten-Liedern schon länger wieder selbst eine Renaissance. Einige Songs des elisabethanischen Musikers hat nun auch Sting unter dem Titel 'Songs from the Labyrinth' bei Deutsche Grammophon herausgebracht. Derzeit präsentiert er sie in ausgewählten Konzertsälen auch live. Und bringt damit viele seiner Fans wohl erstmals an Musik aus jener Zeit heran.

Und am Anfang ist man kurz verwundert: Auf der Laute scheint sich Sting schon wie zu Hause zu fühlen, das bekannte kehlige Klangbild des Sängers ist jedoch verschwunden hinter den typischen Tönen eines Alte Musik-Vokalisten. Kerzengerade, wenn auch leicht atemlos und in den tiefen Lagen stark überfordert klingt da jene Stimme, deren gelungene Verrenkungen bei ''The Police'' und vielen Solo-Hits zum Markenzeichen wurden. Sting hat nicht nur Lauten-Unterricht, sondern auch die ein oder andere Gesangsstunde zur Vorbereitung genommen. Mit dem Ergebnis sind zuerst wohl beide Seiten im Publikum - Alte Musik-Fans und Sting-Anhänger - nicht überglücklich.

Je länger der Abend dauert, desto mehr verschwindet jedoch das Angelernte - und kommt der Popsänger mit der markanten Stimme hervor. Und dieses Zeichen wohl von Ermüdung durch die ungewohnten Töne - ''ich bin fertig'', sagte Sting dann auch selber auf Deutsch - machte den Abend immer besser. Denn Sting zeigt Dowland ohne falsche Scheu als Vorläufer des britischen Pop, und das geht mit Popstimme viel besser als mit einer Popstimme, die versucht, nach Alter Musik zu klingen. Da fallen nach und nach die Manierismen weg, und jenseits von Alte Musik-typischer Originalklang-Manie, verkrampfter Rückwärtsgewandheit und falscher Freude am feinen eigenen Musikgeschmack gibt Sting der Musik Dowlands, was sie braucht: Glauben an ihre Kraft.

So werden die alten Songs dann immer frischer. Und die Zuhörer bekommen auch eine gehörige Portion Geschichtskunde mit: John Dowland (1563 - 1626), Zeitgenosse Shakespeares und zu seiner Zeit der beste Lautenspieler Englands, bekommt als Katholik keinen Job bei der protestantischen Königin Elizabeth I. Und überhaupt war damals ''keine leichte Zeit für Musiker, es gab keine Platteneinnahmen'', so Sting, der sich über viele und laut bekundete Sympathien aus dem Publikum freuen konnte - auch noch, als er Dowland erzählerisch auf die Reise ''auch hier in Deutschland'' schickte. Das hat dem Wiener Publikum mehr Gelächter als Gram entlockt.

So vertiefte man sich immer mehr in die Lebenswelt des elisabethanischen Zeitalters, in Krieg und Liebesleid, Melancholie und Musikgeschichte, Lautenklang und Schummerlicht. Auch ein Song von Robert Johnson - nicht dem Blues-Musiker, sondern dem Liedschreiber Shakespeares - ist zu hören.

Als Sting dann nach dem ersten Abschied mit Dowlands 'In Darkness Let Me Dwell' in der Zugabe mit 'Fields Of Gold' den ersten eigenen Song bringt, geht ein begeistertes Raunen durch das Publikum. Es hat sich also ausgezahlt, nach Dowland mit Sting-Touch kommt am Schluss Sting mit Dowland-Touch (sprich, Lauten-Versionen seiner Songs). Auch 'Message in A Bottle' und Robert Johnsons 'Hellhound On My Trail' (richtig, diesmal war es der Bluessänger) verzücken, und ganz am Ende kommt Sting noch einmal alleine heraus und singt - Hand am Herz - eine Abschieds-Flaschenpost aus dem 16. Jahrhundert. Und beendet ein durchaus gelungenes Konzert, das vielen vielleicht erstmals zeigte, dass Renaissance-Musik Pop-Emotionen in sich trägt.

Für Sting-Fans sind derzeit jedenfalls gute Zeiten: Wenige Tage nach dem gestrigen Konzert fängt am 19. März der Vorverkauf für das ''The Police''-Konzert in der Wiener Stadthalle am 19. September an. Am Sonntag, den 11. März war auch jener Mann im Konzerthaus zu erleben, der Sting auf dem Weg in die Solokarriere begleitete: Jazz-Saxofonist Branford Marsalis hat schon dem ersten Solo-Album Stings, 'The Dream of the Blue Turtles', eine gehörige Prise Sax gegeben.

(c) Kurier by Georg Leyrer



Sting: Auf den Spuren eines Kollegen...

Der Brite gastierte im Wiener Konzerthaus und versuchte sein Musikherz auszuschütten - keine leichte Sache mit den Lautenliedern von John Dowland.

Es hat sich die Situation für Musiker im Laufe der Jahrhunderte erheblich gebessert. Zog, sagen wir, ein John Dowland im 17. Jahrhundert traurig durch Europa, weil er zunächst nicht zu seiner Majestät Chef-Lautenisten bestellt worden war (als Katholik war er der protestantischen Elizabeth I womöglich suspekt), muss sich ein Nachfahre, sagen wir Sting (spielt jetzt auch ein bisschen Laute), nur noch darum kümmern, von der Queen mit einem Adelstitel bedacht zu werden.

Ökonomisch gesehen steht ein Musiker von heute ja besser, freier da. Es gibt ein Urheberrecht, das die paar guten Lieder, die man schrieb, durch Tantiemenhilfe in den Dienst der Deckung von Fixkosten stellt. Und die besten Musikerjobs sind nicht mehr an die Gunst der Queen gebunden. Es existiert schließlich mittlerweile eine breite Konzertöffentlichkeit außerhalb der Paläste; dank technischen Fortschritts kann man diese auch global auf Livedinge in Form von CDs, sagen wir unter dem Titel 'Songs From The Labyrinth', einstimmen.

Und: Man wird selbst dann gehört, wenn man sich auf Abwege begibt und versucht, eines alten Kollegen Kunst in Erinnerung zu rufen, eben dieses John Dowland, der einst auch Hits schrieb. Und keiner nimmt es einem übel, dass man zunächst seinen Begleiter ausschickt, um ein ziemliches Weilchen im Konzerthaus mit der Laute Stimmung zu machen - nun, immerhin interessant: Edin Karamazov ist ein zupackender Virtuose, der sich zwar von seinem eigenen Spiel gar sehr ergreifen lässt und sich auch nicht scheut, der Emphase einen etwas blechernen Klang zu verleihen, wenn es darum geht, Bach zu zelebrieren. Aber, es hat Charme. Und geht dann doch vorbei und ist angesichts des Anblicks - Popstar als nervöser Alte-Musik-Interpret vor Noten sitzend und dann gleich mutig mit dem lyrischen Kracher 'Flow My Tears' beginnend - schnell vergessen; man ist mitten im Konsum eines Dilemmas, das sich auftut, wenn Sting bei diesem Repertoire seine markante nasale Stimme erhebt.

Schließlich: Er versucht Dowland nicht mit seinen Möglichkeiten zum Sting-Song zu machen, will dem Original gerecht werden und hat offenbar auch in Basel an der Schola Cantorum brav gelernt. Doch obwohl es nicht so mühsam klingt wie auf der CD, bleibt der Eindruck, dass das vokale Studium nicht zum Abschluss gebracht worden ist.

In den Tiefen Überforderung, im Allgemeinen eine seltsame Gespreiztheit des Vortrags, ein etwas verkrampftes heiseres Buchstabieren der Lautensongs. Bei den heitereren Abschnitten war es besser; wenn er aus Dowland-Briefen las sympathisch, und ja - bei 'In Darkness Let Me Dwell' hat er fünfzehn magische Sekunden. Vielleicht kam die Tournee zu früh. Groß war die Begeisterung erst, als er (am 19. 9. mit Police in der Stadthalle) seine Lieder delikat in Dowland - lautenform brachte.

(c) Der Standard

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