SHOW REVIEW

Geheimes Privatkonzert im Szene-Club - Sänger Sting beseelt im...

Das Ave Maria läuft. Stimmengewirr. Kuschelnde Paare. Glockengeläut. Bilder von blauem Himmel mit Schäfchenwolken flackern über Bildschirme und Leinwände. Flaschenbier, Rotwein und Longdrinks gehen über den Tresen. Jungs mit Schiebermützen und Tattoos am Oberarm, Mädels mit Rucksäcken und Turnschuhen. Es riecht erdig, irgendwie nach Moos.

Es ist ein ganz normaler Montagabend im ''Maria'' am Ostbahnhof, möchte man denken. Mit einer riesigen Schlange vor dem Eingang, die sich bis zur Mitte der Schillingbrücke staut. Warten auf den Einlass zur Yellow Lounge von Universal, die Anne-Maria Knoop organisiert. Zwei Sicherheitskontrollen passieren.

Etwa 100, die Karten in den Händen halten, wissen noch nicht, was für eine Überraschung sie erwartet. Sie haben - im Unterschied zu den Geladenen aus der Musikszene wie Thomas Quasthoff - Tickets gekauft, für vier Euro und einen Abend mit den DJs Canisius und Phonique. Sie ahnen nicht, dass sie ein knapp zweistündiges Konzert mit Sting hören werden. Sie sehen nur, dass die Sicherheitskontrollen heute mannstärker sind. Das ist Berlin. Das ist einfach der Hammer. Da lädt eine Plattenfirma ganz heimlich zu einem Clubabend mit einem Superstar. In cooler Location, direkt am Wasser, sitzt Sting im T-Shirt auf einem Stuhl mit Kissen, und singt - nahezu a cappella - mit geschlossenen Augen seine neuen Klassik-Lieder des Albums 'Songs from the Labyrinth' mit Kompositionen des englischen Komponisten John Dowland. Den ersten tosenden Applaus kommentiert er leise: ''Bitte nicht klatschen. Es ist schöner, wenn es still ist. Es ist mir eine große Ehre, hier zu sein.''

Man hört jetzt eine Stecknadel fallen. Die Bar unterbricht ihren Betrieb. Auch an das Rauchverbot, zur Schonung der Goldkehle, hält sich hier jeder. Sting - zum Greifen nah.

Er macht Witze über seinen Kompagnon Edin Karamazov, die Queen, zählt den Takt auf Deutsch, sprüht sich Feuchtigkeitsspray in den Mund, unter die Achseln. Sein Muskelpaket an den Oberarmen schwillt, wenn er die Saiten seiner Laute zupft. Er singt von Liebe und Glückseligkeit, wünscht dem Publikum Gottes Segen. Sein legendäres 'Message in the Bottle' aus der Zeit seiner Band ''Police'' gibt's um Mitternacht als Zugabe. Wir sind beseelt.

(c) Die Welt by Franziska v. Mutius



Sting made us forget place and time...

When we saw the venue for the first time, each one of us fans (Giovanni, Lydia, Stepanka, Anja, Anne, Marlene, Isabel, Rüdiger, Gitte, and me) was rather taken aback: a concrete box with a neon sign to declare it MARIA, heavily graffitied and shabby, sitting in a dusty, littered, overgrown lot on the bank of the river Spree, next to big, bright, new or impressively refurbished buildings. Very Berlin (that's why the Berliners thought nothing of it). But how could this raw party place be right for, no, not a Police revival, but Dowland's fine tunes?

It was an anxious wait for us to get inside: we watched numerous ''VIPs'' (?) walk into the building for an hour before security let us in an hour before the start. But fortunately our fear to be stuck in the back was quickly dispelled, as many of the VIPs and Universal people were lounging about the bar, so we moved close to the little stage, some of us sitting on cushions or the floor, some of us standing to the side. By ten, the place had filled considerably, but we were well positioned. Everyone was tuned in to classical music by flowing DJ/VJ clips on two big screens at the back of the stage.

Then the lutes were brought onstage (the labyrinth one, too), the clips stopped and Sting and Edin unceremoniously began the show.

Sting told the story, cracked some jokes, read from Dowland's letter, like in London. Stile Antico supported him, like in London. And he sang, and played the lute - not quite sure if like in London. Since I have only the radio broadcast and my friends' impressions for comparison, I can say this: e.g. Anja felt that the nervousness of London had dissolved into a much more confident radiance, Anne said his voice had gotten even better suited to the material. To me he seemed a bit hesitant at first (like on the CD recording), but then warmed to the situation and was in command, so that especially for the bright 'Clear or cloudy', for 'Come again' and the haunting 'In darkness let me dwell' with its ''jarring sounds'' he used his voice very expressively. Even when he ''lost the thread'', as we say in German, to Edin's very fast tempo in the first lute duet, he was cool enough to mention it afterwards and turn it into a positive little joke (''I played the difficult part'') that was taken up later by Edin after 'La Rossignol' went beautifully and smoothly (''Now in this piece both parts are easy'' to which Sting said, ''Don't tell them that! I've practised this for a year!'').

I was very moved to not only hear, but also see them play together, because you could see the concentration and focus, the depth to which the music can take you. Edin's virtuosity, energy and quiet ease was admirable to watch. And although none of us listeners will have an Edin to teach and support us, this experience was like Sting offering us a glimpse into what music can be, encouraging us to be open to things unheard.

It was a similar set list as in London, down to the encores,.e.g. no Wilt thou unkind thus reave me, but 'La Rossignol' in full (my favourite of the lute pieces). Sting dedicated 'Message in the Bottle' to his ''good friend Stewart who is in the audience tonight''. With the second reprise he got Stile Antico onto the stage again so they could also reap their well-deserved applause: 'Fine Knacks for Ladies' one more time, and this time Sting delivered it with such fervour and fun that it sounded like one of his own songs.

Thank you to Sting, Edin and Stile Antico for the exceptional evening and to Dave, Wendy and Tina for making it possible for some of us to be there.

(c) Angelika for Sting.com



Message in a Laute...

Was sind schon 400 Jahre, wenn es um Gefühle geht? Der Popmusiker Sting hat in dem elisabethanischen Barden John Dowland einen Seelenverwandten entdeckt. Gestern Abend präsentierte er einem gerührten Berliner Szenepublikum seine Interpretationen des altertümlichen Gesangs.

Es war ja alles nur Zufall. Jener Abend Anfang der Achtziger, als der Frontmann der Band Police mal für Amnesty International in London solo mit Gitarre auf der Bühne stand. Der Vortrag des Barden nötigte den Schauspieler John Bird hinter die Bühne. Artig wurden Komplimente ausgetauscht, dann aber wurde Sting gefragt, ob er die Musik John Dowlands kenne, an die sich Bird erinnert fühlte. Aber viel mehr als den Namen hatte Sting nicht parat. Auf verschlungenen Wegen trat seitdem die Musik John Dowlands in unregelmäßigen Abständen in das Leben von Sting.

Und weil Sting Zeichen gerne deutet, war es fast zwangsläufig, dass Dowland (1563 - 1626) als Untoter irgendwann auch in das Werk des sehr lebendigen Pop-Musikers einfloss. Nach einer Kette von Zufällen stand nun am gestern Abend im Berliner Szenekiez Friedrichshain unangemeldet jener Sting auf der Bühne des kleinen Clubs ''Maria am Ostbahnhof'', um der Welt zu zeigen: Es gibt keinen Zufall.

''Wir sind hier, um John Dowland zu ehren'', verkündete er eine Spur zu feierlich. Aber was folgte, war tatsächlich eine Messe. Nur auf der Laute begleitet von dem Bosnier Edin Karamazov entführte der Brite die ebenso verdutzten wie berührten Hörer auf eine Zeitreise, in eine Zeitschleife, die aus dem elisabethanischen Zeitalter Dowlands vor 400 Jahren direkt ins 21. Jahrhundert reichte.

Gleich zum Auftakt gab es das mit heiterer Hoffnungslosigkeit getränkte 'Flow My Tears', in dem das Spektrum Dowlands deutlich wurde. ''Viele sehen in ihm nur den gramgebeugten Melancholiker'', sagt Sting. Aber er besitzt viel mehr: ''Durchtriebenen Humor, Leichtigkeit und Pop-Appeal.'' Stings Idee von Dowland reicht über die reine Adaption von Renaissance-Liedern hinaus, in einer Art szenischer Lesung träufelte er immer wieder Auszüge aus Briefen des Sänger-Kollegen ein, der so gern Hofsänger bei seiner Königin Elisabeth I. geworden wäre, aber als Katholik dann doch durch Europa tingeln musste - sozusagen als erster britischer Popstar. Sting, in seinen Songs selbst bestens ausgestattet mit allen Teufeln und Engeln des Katholizismus, spricht es nie aus, aber zeigt es doch in jeder Note, wie gut er nachfühlen kann, was den Kollegen Dowland (um)trieb.

(c) Der Spiegel Markus Deggerich



Der Saiteneinsteiger - Altmeister Stings Dowland-Konzert in einem Berliner...

So mucksmäuschenstill war es hier garantiert noch nie. Normalerweise lassen es Techno-DJs in der ''Maria am Ostbahnhof'' ohne Rücksicht auf Hörverluste krachen. Der Friedrichshainer Klub gegenüber vom neuen Berliner Off-Theater-Treffpunkt ''Radialsystem'' hat eher den Charme einer Abdeckerei, in die man zur Abfertigung der Kundschaft einen Tresen und sehr viele Lautsprecher gepackt hat. Doch das alles war für ein besinnliches Stündchen vergessen, denn statt beinharter Techno-Bretter gab es einen zart balzenden ''very special guest'': Sting erschien zu später Stunde auf der Mini-Bühne. Nicht mit den üblichen Hits im üblichen Format, sondern mit Lautenbegleitung durch den großartigen Edin Karamazov und einer Handvoll Lieder von John Dowland.

Balladen mit Shakespeare-Aroma, 400 Jahre altes Singer-Songwriter-Material - mal was Neues für Opuszahlen-Fremdelnde zwischen 20 und 30. Genau das Richtige für die ''Yellow- Lounge''-Abende, mit denen die Deutsche Grammophon (DG) regelmäßig in Berlins Klubszene mitmischt und junges Publikum durch kurze Live-Auftritte hauseigener Künstler auf alte Musik neugierig machen will. Obwohl Sting mit dieser Idee nicht der Erste ist; auch Elvis Costello oder britische Jazzer haben sich neben Falsettisten vom Fach wie Deller oder Scholl schon an Dowlands 'Songes or Ayres' abgearbeitet. Doch gerade hatte sich die DG bei der jährlichen Branchen-Sause einen ''Klassik-Echo'' für Stings 'Songs From The Labyrinth' verleihen lassen, und da man ihn schon mal live da hatte, wurde noch ein ''Geheimkonzert'' in Berlin drangehängt. So geheim blieb's natürlich nicht. 700 Karten, vier Euro das Stück, gingen ratzfatz weg, nachdem der Medienpartner Deutschlandfunk termingerecht gepetzt hatte. Zur Einstimmung flimmerten Video-Projektionen an den Wänden, aus den Boxen kam dazu die übliche Klassikradio-Sauce aus ''Schwanensee'' und ''Star Wars''-Soundtrack. Weit vorn im Halbdunkel saß der Bariton Thomas Quasthoff auf einem der wenigen Sitzkissen. Man trank Astra, war entspannt im Hier und Jetzt. Der Einzige, der zunächst mit Nervosität zu kämpfen hatte, war ausgerechnet der Hauptdarsteller. Denn obwohl Sting nicht mehr zu tun hatte, als seinen Part notengetreu zu bewältigen, war gut zu hören, wie schwer ihm das scheinbar Einfache der elisabethanischen Ohrwürmer fällt. Aber ebenso, wie nah ihm diese zeitlos anrührende Musik geht.

Dass Karamazov ihn, den Saiteneinsteiger an der Theorbe, mit rasant improvisierten Soli freundlich lächelnd an die Wand zupfte, steckte er gelassen weg. Zunächst musste man sich allerdings noch daran gewöhnen, dass Sting auch mit Dowland immer noch wie Sting klingt, dass er nichts dazuerfindet oder neu entdeckt. Der Mann hat seinen Spaß, und das Glück, sein Privatvergnügen auf eine charmante Platte packen zu können. Zwischen den Dowland-Klassikern blitzte aber auch immer wieder der Ex-Lehrer durch: Mit biografischen Erläuterungen oder bedeutungsschwer rezitierten Briefzitaten zu Vogelzwitschern vom Band gab es Historien-Häppchen fürs bessere Verständnis. Was eher nervte, doch schnell vorbeiging.

Ein Sting-Auftritt ohne Sting-Songs? Geht gar nicht, fand auch Sting selbst und rückte noch drei dowlandesk arrangierte Zugaben heraus, die neben dem eigenen Spieltrieb auch die Erwartung des ohnehin schon verzückten Publikums befriedigten: Zuerst die Ballade 'Fields Of Gold', danach als Credibility-Schlenker Robert Johnsons Blues-Klassiker 'Hellhound On My Trail' und, last but not least, das gute alte 'Message In A Bottle'.

(c) Hamburger Abendblatt by Joachim Mischke

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