SHOW REVIEW

Direkter, erdiger, schmutziger...

Sting verzichtet zum Auftakt seiner Deutschlandtour im Münchner Kesselhaus auf jegliche Lightshow oder sonstige Mätzchen. Ein kleines Meisterwerk ist das Konzert dennoch - da dürften sich Besucher, Musikkritiker und sogar Fitnesstrainer einig sein.  

Für Kritiker, die dem Rockstar-Klischee anhängen, war es immer leicht, sich über Gordon Matthew Sumner, besser bekannt als Sting, lustig zu machen: Über den ehemaligen Englisch- und Sportlehrer, der Weltschmerz und Todesangst nicht in Drogen und Exzessen ertränkte, sondern mit Yoga und intellektuellen Texten verarbeitete; über das Amnesty-International-Mitglied, das täglich die New York Times und den Guardian liest.

Über den vermeintlichen musikalischen Streber, der sich prominente Jazzer wie Branford Marsalis in seine Band holte, mit John-Dowland-Interpretationen oder Symphonieorchestern auch mal bei der Klassik andockte und für den ein Dominantseptakkord kein Fremdwort ist. Zumal man einräumen muss, dass von der durchaus vorhandenen Subversivität von The Police - die zum Beispiel als Erste die damals gängigen Playback-TV-Sendungen mit komödiantisch asynchronen Auftritten lächerlich machten und zu einer der erfolgreichsten Popbands wurden, gerade weil sie die gängigen Popregeln sanft aushebelten - beim späten Sting, dem sechsfachen Familienvater und siebenfachen Häuserbesitzer, wenig übrig geblieben ist.

Aus Publikumssicht ist es freilich meist erfreulich, wenn jemand gut vorbereitet auf die Bühne geht. Ein richtiger Flop ist da so gut wie ausgeschlossen. Stattdessen kriegt man mit etwas Glück so ein kleines Meisterwerk wie den "Back to Bass"-Auftritt im Münchner Kesselhaus, Stings eigene Retrospektive seines 25-jährigen Schaffens als Solo-Künstler.

Die zweieinviertel Stunden rollten da so lässig an einem vorbei, dass einem erst hinterher aufging, von was für einem perfekt durchdachten Konzept man da um den Finger gewickelt worden ist. Man darf sich sicher sein, dass Sting jedes einzelne musikalische Detail ebenso gründlich ausgetüftelt hat wie seine Ansagen in einem zwar durch einen netten britischen Akzent gebrochenen, aber ansonsten perfektem Deutsch.

Was mit der Besetzung anfängt. Direkter, erdiger, schmutziger wollte er es diesmal haben, mit einer vergleichsweise kleinen Band also, in der an der Seite des altgedienten Gitarristen Dominic Miller ("Meine rechte Hand seit 22 Jahren"), dessen Sohnes Rufus und des "drummer's drummer" Vinnie Colaiuta zwei Geiger, Peter Tickell und die Australierin Jo Lawry, für die besondere Note sorgten.

Nicht nur weil Tickell die beiden einzigen echten Soli bekam, ging das Ganze selbst noch bei wavigen Reißern wie dem 'Demolition Man' oder dem funkigen 'Heavy Cloud No Rain' stark in Richtung Southern- und Country-Rock; der Refrain von 'Love Is Stronger Than Justice' wurde gar vollends zum Bluegrass.

Dazu passte Stings allürenloses Outfit mit Jeans und T-Shirt (zum abgewetzten 54er Fender-Bass ebenso harmonierend wie zum drahtigen Körper des 60-Jährigen) ebenso wie der Verzicht auf jegliche Lightshow oder sonstige Mätzchen.

Gewissenhaft hatte Sting auch die Songauswahl auf dieses Setting  zugeschnitten, bei den sechs noch aus Police-Zeiten stammenden Stücken ebenso wie bei den 16 anderen. Es fanden sich eher die hintergründigen, atmosphärischen und erzählerischen Sachen wie 'Stolen Car' oder 'Ghost Story', allzu Gängiges wie 'Roxanne' oder 'Englishman In New York' fehlten. Lediglich im Zugabenblock befriedigte Sting die auf die Erfolgsnummern fixierten Fans mit einem eher banalen 'Every Breath You Take' - um gleich darauf mit 'Next To You' noch einmal bombastisch draufzulegen.

Alles zusammen bewies wieder einmal die Größe des Songwriters Sting, besteht doch die eigentliche Qualität eines guten Popsongs darin, jedes Arrangement, jede stilistische Umformung mitmachen zu können, ohne unkenntlich zu werden. Dass er als allerletzte Zugabe 'Message In A Bottle' solo und - im Rückgriff auf seine frühesten Anfänge - mit der Gitarre gab, das hatte Sting bereits bei seiner symphonischen Tour getestet, für wirksam befunden und nun also übernommen.

Egal ob vom Standpunkt des Musikkritikers, des Fitnesstrainers oder des routinierten Konzertgängers aus, um hier etwas zum Meckern zu finden, musste man sich schon anstrengen. Um schnell beim vollgestopften Veranstaltungsort Kesselhaus zu landen, das Stings Überlegung einer klubartigen Tour Hohn sprach und dieselben miesen Bedingungen in Sachen Sicht und Sound - vor allem anfangs unerträglich flach, schrill und höhenlastig - aufwies wie das benachbarte große Zenith.

Innerhalb von Stings Verantwortungsbereich aber bleibt höchstens der seit langem gerne genommene Vorwurf, dass neue Songs fehlen. In dieser Causa folgt bald die Rache des Lehrers, zweiter Teil: Demnächst dürfte das musikalische Bühnenstück über die Werftarbeiter seiner Geburtsstadt Newcastle upon Tyne fertig werden - mit völlig neuen Songs.

(c) Süddeutschen Zeitung by Oliver Hochkeppel

(1) Reviews and Comments
camilebon - 02.29.12
Amazing
It was an amazing concert!!! Perfect sound. The musicians were fantastic and the dynamic of the band was great. And of course Sting was gorgeous as always. Thank you for such an excellent concert!!!