57th & 9th
Jul
23
2017
Künzelsau, DEWürth Open Air
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Ein Ex-Polizist mit Biss...

Die Pose steht ihm: Sting bei der Arbeit. Das Instrument steht dem 65-Jährigen aber auch: Seit Mitte der Neunziger setzt Sting auf einen Fender Precision Bass von 1953, der wahrscheinlich schon ein Vermögen wert ist. Die Strapazen vieler Touren sieht man ihm auf jeden Fall an. 

Schon mit den ersten Tönen haben Sting und seine fantastische Begleitband am Sonntag ihre rund 10,000 Fans beim ausverkauften dritten Tag des Würth-Open-Airs im Griff. Der 65-jährige Bassist und Sänger hat aber auch ein Programm im Gepäck, das sich sehen und vor allem hören lässt. Songs aus fast allen Schaffensperioden des Briten erklingen in einem glasklaren Sound. Nachdem sich Sting in den vergangenen Jahren auch mit klassischer Musik auseinandergesetzt hat, muss es ihn in den Fingern gejuckt haben, endlich wieder loszurocken. Und das beweist der sympathische Musiker nicht nur mit seinem aktuellen Album „57th & 9th“, sondern vor allem live, wie auf der weit ausladenden Bühne in Künzelsau-Gaisbach.

Strahlende Gesichter im Publikum und lautstarkes Mitsingen zeigen, dass hier ein Mann mit einer treuen Anhängerschaft spielt. „Das ist der Soundtrack meiner Jugend“, sagt ein Zuschauer zu seiner Begleiterin und schließt verträumt die Augen beim The Police-Klassiker „Walking on the Moon“. Ein Großteil des Publikums scheint eh schon lange für Sting und The Police zu schwärmen. Die Generation 40 plus hat die klare Übermacht.

Apropos Police: Sting räumt den Songs seiner ersten berühmten Band viel Raum ein. Ob „So lonely“, „Message in an bottle“, „Roxanne“ oder „Synchronicity II“, Sting weiß eben, was er seinen Fans schuldig ist. Natürlich dürfen auch „Every little thing she does is magic“ und das unverwüstliche „Every breath you take“ nicht fehlen.

Die Bühne ist aufgeräumt, kein Show-Schnickschnack lenkt von der eigentlichen Sache ab: der Musik. Und die wird kompetent, aber auch reduziert umgesetzt. Auf Keyboards wie bei vergangenen Touren wird verzichtet, Farbtupfer kommen alleinig von einem Akkordeon.

Der druckvolle Gesamtsound entsteht vor allem aus den Zutaten, die schon seit jeher im Rock’n’Roll nicht fehlen dürfen: Gitarren, Schlagzeug und Bass. Stings langjähriger Gitarrist Domenic Miller hat zu Unterstützung noch seinen Sohn Rufus (ebenfalls an der Gitarre) mitgebracht, von hinten macht Schlagzeuger Josh Freese alles dicht. Auf familiären Support setzt auch Sting: Sein Sohn Joe Sumner, der auch im Vorprogramm aufgetreten ist, liefert mit einem weiteren Sänger die Backing-Vocals und bekommt  auch einen Solo-Spot mit dem David Bowie-Klassiker „Ashes to ashes“, der gekonnt in Stings „50 000“ mündet. Das passt, hat er mit diesem Song doch eine Hommage an die verstorbenen Bowie, Prince und Lemmy geschrieben. Über allem thront Stings unverwechselbarer Bass. Nie aufdringlich, aber immer songdienlich und subtil dirigiert er seine Band.

Gesanglich erklimmt er nicht mehr die Höhen, die er zu Anfang seiner Karriere meisterlich beherrschte, aber dafür ist sein Timbre über die Jahre immer wärmer geworden.

Die Freude am Spielen steht dem Star des Abends buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Davon können sich auch die Fans, die es nicht in die ersten Reihen geschafft haben, auf riesigen Bildschirmen überzeugen. Sting wirkt topfit und hellwach. „Guten Abend, meine Damen und Herren in Künzelsau“, sagt er mit englischem Akzent bei einer seiner spärlichen Ansagen und erntet begeisterten Applaus. Aber wozu braucht ein Weltstar wie er auch Ansagen? Die meisten Songs werden schon nach den ersten Tönen erkannt und gefeiert. Manchmal kommt die Performance zwar etwas zu routiniert rüber, aber das macht nichts: Sting will eben Qualität liefern, und das tut er auch.

„Mad about you“ oder „English­man in New York“, auch Songs aus seiner Solokarriere dürfen nicht fehlen. Beim letztgenannten werden gefühlt tausende von Smartphones gezückt und es wird gefilmt, was das Zeug hält.

Im ersten Zugabenblock schließt Sting noch einmal kunstvoll die Klammer einer einzigartigen Karriere. „Next to you“ vom ersten The-Police-Album „Outlandos d’Amour“ von 1978 macht den Anfang und sorgt nochmal für ordentlich Bewegung. Dann folgt mit „Can’t stop thinking about you“ der Opener des 2016er-Comebacks „57th & 9th“. Mit einer Zugabe geben sich Stings Fans aber nicht zufrieden. Gordon Matthew Thomas Sumner – so heißt Sting mit vollem bürgerlichen Namen – lässt sich nur kurz bitten, kommt mit der akustischen Gitarre zurück und entlässt sein Publikum nach leider etwas kurzen anderthalb Stunden Konzert mit einem emotionalen „Fragile“ in die Hohenloher Nacht.

(c) Haller Tagblatt  by Norbert Acker

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