Jun
29
2001

Dresden, DE (Theaterplatz vor der Semperoper)

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With Nitin Sawhney

SHOW REVIEW

Die Ärzte und Sting - ein musikalisches Open-Air-Duell ohne echte Kontrahenten...

''Wollen Rose kaufen?'' Der tamilische Blumenverkäufer hat sich mitten auf der Augustbrücke etwas ungünstig postiert. Das Geschäft läuft sowieso mies - Zaungäste sind keine Rosenkavaliere. Aber wieso tut sich der Mann das an? Im einen Ohr von der Altstadt her den melodischen 'Englishman in New York', im anderen vom Neustädter Elbufer her Schweinereien über praktizierten Beischlaf im brachialen Pogotakt ''Ich will dich fi ...en''. Unser Blumenmann hat sich genau dorthin gestellt, wo Sting und Die Ärzte an diesem Abend akustisch aufeinanderprallen. Dabei muss man an der Stelle der Brücke nur ein paar Schritte nach dort oder da machen, um sich eines der Konzerte zum Zuhören auszusuchen und vom anderen verschont zu bleiben. Sehen können die meisten, die keine Eintrittskarte haben, sowieso nichts. Doch es reicht vielen, zu hören und mitzuerleben. Außerhalb der Konzertabsperrungen sind es wohl noch mal genau so viele Leute wie vor den Bühnen.

Dresden ist an diesem superlauen Freitagabend ein einziges Festival, voller Leute, die sich mit Decken, Wein und Keksen auf den Elbwiesen oder rund um die Hofkirche niedergelassen haben, an Wurstbuden und Bierständen stehen, durch die Menge flanieren.

Sachsens Landeshauptstadt ist mit Rock- und Pop-Höhepunkten ohnehin nicht übermäßig versorgt, und dann finden auch noch zwei der größten Freiluftkonzerte des Jahres am gleichen Abend wenige hundert Meter voneinander entfernt statt. Tolle Planung.

Man könnte natürlich ein Duell daraus machen, aufzählen, dass Sting musikalisch beeindruckender war, aber noch freie Plätze hatte. Dass die Ärzte ausverkauft waren, für viel weniger Geld viel länger gespielt und mehr Partystimmung gemacht haben. All so was. Aber Sting und Die Ärzte, das sind verschiedene Spielklassen, die man wohl besser nicht auf der gleichen Richterskala misst. Ob es überhaupt jemanden gab, der sich nicht entscheiden konnte, ob er hier- oder dorthin geht?

Eigentlich sind es eher verschiedene Spieldisziplinen. Zum Aus-sich-Herausgehen und zum In-Sich-Hineinhören. Das offenbart sich schon phänotypisch am Publikum. Bei den Ärzten übt sich die Jugend im Schaulaufen, nicht alle, aber viele. Die Haare bunt gefärbt, das Piercing frisch poliert und ein cooler Spruch auf dem T-Shirt: ''Kopfüber in die Hölle'', ist die Parole oder ''Punk ist meine Religion''. Natürlich gibt es jede Menge ''Zicken'', auch ''Kampftrinker'' und sogar jemanden, der auf seiner Brust verkündet: ''Ich verachte Jugendliche.''

Vom ersten Moment an steht das Ärzte-Volk unter Strom. Alles zappelt, springt und reißt die Arme noch oben. Ein Abend zum Mitgrölen, jeder scheint die Texte zu kennen, jeder weiß, dass Männer Schweine sind, und Frauen manchmal ein kleines bisschen Haue gern haben. Schon beim ersten Lied schreien 15 000 Kehlen gemeinsam ''Arschloch''; und es ist eine Offenbarung. So schlimm kann es um die Jugend doch nicht bestellt sein, die so etwas tut. Besagtes Schimpfwort gehört nämlich zu einem Lied, in dem einem rechtsgescheitelten Glatzenträger klar gemacht wird, dass sich seine Springerstiefel eigentlich nur nach Zärtlichkeit sehnen und er ansonsten ein A ... ist. Nun sollte man ein Ärzte-Konzert nicht unbedingt als politisches Manifest deuten. Aber so was beruhigt.

Bei Sting muss man auf solche Botschaften nicht achten. Da sind sowieso die eher Unverdächtigen, Friedfertigen und Sentimentalen. Gegenüber dem Tempo der Ärzte scheint seine musikalisch grandiose Truppe mit angezogener Handbremse zu spielen. Was nicht schlecht sein muss. Aber es wirkt beschaulicher, getragener, bedeutungsvoller, erwachsener. Das Publikum, die Fraktion der Jung-Gebliebenen, ist ebenso begeistert wie das jenseits der Elbe. Aber muss man deshalb gleich ausflippen? Die buntesten sind hier ein paar Promo-Mädels mit pornoroten Perücken vom Radio-Sender Jump. Die verteilen Papp-Laternen für die anheimelnde Stimmung, wenn die Feuerzeuge angehen.

Drüben bei den Ärzten trägt der Schlagzeuger Bela B. kleine Teufelshörnchen, klettert auf den Trommeln rum und schmeißt ständig seine Schlagstöcke in die Menge. Sting trägt Nickelbrille, federt beim Bassspielen ständig leicht in den Knien, und sein Gitarrist wirft einmal, nach einem Akustik-Gitarrensolo zu 'Fields Of Gold', sein Plektron ins Publikum. Drüben ist Volksfest, wo die Mädels - wie das bei Ärzte-Konzerten zu sein hat - ihre Büstenhalter auf die Bühne werfen. ''Hipp, hipp, hurra, alles ist super, alles ist wunderbar.'' Hüben ist kulturelles Erlebnis 'How Fragile We Are' - wie zerbrechlich wir sind. Und das Volk braucht seine Zeit, um warmzulaufen.

Sting, der als Police-Mann auch schon mal beinahe ein Spaß-Punker war, beginnt gemäßigt und etwas kompliziert. Doch nach einer Dreiviertelstunde hat auch er die Leute elektrisiert, mit den guten alten ''I-Oooh-I-Oooh'', 'Every Little Thing She Does Is Magic' und so weiter. Und es wird ein wunderschöner Abend unterm Halbmond vor der Oper.

Ein paar Zeilen Deutsch hat Sting sogar drauf und singt Brecht: ''Und der Haifisch, der hat Zähne'' - was mit Anspruch eben. Die Ärzte versuchen es mit ''Fuchs, du hast die Gans gestohlen''. Zwei Welten. Ein Duell ohne Kontrahenten. Die Ärzte machen sich einen Jux draus, reißen Zoten über Herrn Sting, oder bauen ihn in die Texte ein, einmal wird sogar Sting-Musik eingespielt. Frontmann Farin Urlaub, meint Bela B., ''sieht nicht nur besser aus als Sting, er riecht auch besser''. Und er grüßt die paar Leute da drüben, ''die gekommen sind, um Sting zu sehen, und die Ärzte zu hören''. Dessen Fangemeinde kriegt von den bösen Lustigkeiten natürlich nichts mit, interessiert sie wohl auch nicht. Während die Ärzte sich verabschieden (''Vielleicht geht ja noch einer rüber und trocknet Sting die Tränen''), schwelgt der Theaterplatz noch bei 'Every Breath You Take', kriegt eine Zugabe und muss dann auch Schluss machen. Es ist 23 Uhr und mehr ist nicht genehmigt, auch nicht an einem so außergewöhnlichen Abend. Auch das ist Dresden.

(c) SZ Online by Heinrich Löbbers

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