SHOW REVIEW

Die innere Leere schenkt grenzenlose Freiheit: Reise nach Innen: Im Koelner Tanzbrunnen spielt Sting leidenschaftliche Lieder ohne viel Leidenschaft...

Eine der schoensten Sting-Anekdoten geht so: Das Finanzamt ruft bei Sting an und sagt: Ihr Steuerberater hat 4,5 Millionen Pfund von Ihnen auf sein eigenes Konto ueberwiesen - was sagen Sie dazu? Und Sting antwortet: Tatsaechlich? Das habe ich gar nicht gemerkt.

Diese Geschichte, die vor einigen Jahren in der Presse kursierte, ist nicht nur bemerkenswert, weil Sting in jungen Jahren so arm war, dass er im Winter grosse Teile seines Mobiliars im Kamin verheizen musste, sondern auch, weil er einmal in einem Interview bemerkte, dass sein Kollege Paul McCartney vermutlich bessere Musik schreiben wuerde, wenn er nicht so viel Geld auf seinem Konto haette. Mit seinen beiden vorletzten beiden Studioalben 'Mercury Falling' und 'Brand New Day' schien der Multimillionaer dann seine Argumentation untermauern zu wollen: die Musik wirkte wenig inspiriert und die besungene Leidenschaft zu abgeklaert. Dann aber kam der 11. September. Das Ereignis beraubte den Englaender zunaechst saemtlicher Gewissheiten in Bezug auf Musik und ihre Bedeutung. Kann man nach dem 11. September noch romantische Liebeslieder schreiben?

''Wenn man aber ganz leer ist'', so Sting, ''dann kann man noch mal ganz von vorne anfangen. Eine solche Situation kreiert enorme kuenstlerische Freiheiten.'' Das aus der Krise entstandene Album 'Sacred Love', mit dem Sting nun auf Tour ist, zeigt in der Tat wieder die emotionale Tiefe und lyrische Kraft, die ihm schon abhanden gekommen schienen. Bei dem Koelner Konzert im Tanzbrunnen spielte die Band eine kluge Auswahl des letzten Albums: unter anderem 'Never Coming Home', mit dem fantastischen Flageolett-Riff von Dominic Miller an der Gitarre; 'This War', mit einem pazifistischen Trickfilmvideo auf den Grossleinwaenden, (ironischerweise in der AEsthetik der Sowjetpropaganda); 'Whenever I Say Your Name', mit der zurecht heftig umjubelten Joy Rose als Duettpartnerin; 'Dead Man's Rope', mit der perfekten Dramaturgie der Akkorde und Stings wunderbarer Stimme, die sich von der Kehlkopfentzuendung erholt zu haben schien.

Als die Band 'If I Ever Lose My Faith in You' anstimmte, sang das Publikum sogar die Strophen mit, und es brach in Gejohle aus, als Sting die Zeile ''You may say I lost my faith in politicians'' sang. Im Vergleich aber dazu, wie ausgerastet die Fangemeinde beim Konzert in Washington auf den Songtext reagiert haben soll, muss man die Koelner Reaktion wohl als ''moderat'' bezeichnen. Sting gab dem Publikum auch Zucker und servierte 'Every Breath You Take', und die Leute dankten es ihm und erreichten zu dem Zeitpunkt wohl den Lautstaerkepegel einer Einflugschneise; aber wie oft kann man eigentlich einen Song spielen, dass er immer noch frisch klingt? Der ''Evergreen'' kam in ausgeblichenen Raendern von die Buehne. Bei seinem Comeback-Konzert in Las Vegas knutschte sich Elvis Presley wie im Wahn durch die Zuschauerreihen. Sting, der distinguierte Englaender, fuer den die Zuneigung des Publikums einst ebenfalls ein Lebenselixier zu sein schien, musste sich diesmal wohl bemuehen, herzlich zu sein, und machte nach der letzten Zugabe zweimal die Kusshand. Anstatt aber seine Kuesse symbolisch seinem Publikum zuzuwerfen, sank die Hand zurueckhaltend zu Boden. Im Studio hat Sting an seine grossen Zeiten als Songwriter anknuepfen koennen. Die Reise nach Innen hat fuer Sting reiche kuenstlerische Fruechte abgeworfen, fuer groessere Buehnen ist seine Musik aber moeglicherweise zu intim geworden.

(c) General-Anzeiger by Lewis Gropp



Sting mit exzellenter Performance in Köln...

Er ist kein Mann der langen Ansprachen. So beschränkte sich auch Sting beim seinem zweiten Konzert der 'Sacred Love' Tour auf deutschem Boden (das erste Konzert hatte am Dienstag auf der Berliner Waldbühne stattgefunden) auf kurze Statements in deutscher Sprache und ein paar Nettigkeiten für das Publikum. Ansonsten konzentrierte sich der sanfte Rockstar auf seine Musik, sehr zur Freude der 17000 am Kölner Tanzbrunnen. Und der war für die Veranstaltung extra ''gewendet'' worden. Die fast 40 Meter Breite Bühne stand an der Rheinseite, der traditionellen Tanzbrunnen-Bühne wendeten die Fans den Rücken zu.

Da fehlte zwar die der Spielstätte eigenen intime Atmosphäre, von Nähe zum Star konnte keine Rede mehr sein, aber all das machte Sting mit einer exzellenten Performance locker wett. Und spätestens nach dem etwas atemlos vorgetragenen Inside von seinem aktuellen Album hatte der Ex-Front-Sänger der legendäre Band ''Police'' die Massen im Griff. Sting lieferte zwei Stunden lang einen gekonnten Mix aus Hits und neuen Songs, wechselte furios das Tempo, streichelte unterstützt durch eine erstaunlich gute Akustik die Seele mit gefühlvollen Liedern und brachte gleich darauf mit hämmerndem Bass die Fans zum Tanzen.

Besonders die Percussion-Abteilung der Band sorgte dafür, dass die Songs richtig ''groovten'', während das Keyboard etwas den Fähigkeiten von Sting hinterherhinkte. Dass die legendären Police-Hits 'Roxanne' und 'Every Breath You Take' im Zugabenteil dem meisten Jubel einheimsten, zeigte eindeutig, wo die Alterstruktur der Zuschauer anzusiedeln war. Die Mitte Dreißigjährigen gehörten da schon zum jüngeren Klientel.

(c) Kolner Stadt-Anzeiger by Jürgen Oehler

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