Nov
06
2004

Bielefeld, DE (Seidenstickerhalle)

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With Chris Botti

SHOW REVIEW

Sting vor 7,200 Zuschauern in der Seidenstickerhalle...

Der Mann ist ein wandelndes Superlativ: ''Gigant der Popkultur'', ''nachdenklicher Superstar'', Repräsentant einer ''Popmusik mit intellektuellem Profil'' - Sting verleitet Kritiker zu wahren Lobeshymnen. Am Samstag füllte der britische Songpoet fast vollständig die Bielefelder Seidenstickerhalle. 7,200 Zuhörer kamen teils von weither zu einem der beiden NRW-Konzerte. Doch Sting hinterließ viele von ihnen sichtlich ratlos.

Wer sich immerhin für teures Geld (die lokalen Veranstalter trifft keine Schuld an der Preisgestaltung) einen außergewöhnlichen Musikabend versprochen hatte, erlebte einen Popstar, der stellenweise merkwürdig uninspiriert wirkte. Dabei wird sein Album 'Sacred Love', das er mit dieser Tour präsentiert, als eines der auch politisch engagiertesten seiner Laufbahn gehandelt.

Die Terroranschläge des 11. September 2001 hatten Sting alias Gordon Sumner zu den Partei nehmenden Texten veranlasst. 'Inside' oder 'This War' versuchen die lyrische Verknüpfung des Privaten mit Themen der ''großen'' Politik. Nicht immer frei von Klischees, aber verpackt in gewohnt mitreißende Klänge geht das schon in Ordnung. Soweit die CD.

Live präsentiert wirkte vor allem das mediale Beiwerk, das der Rockstar auffuhr, schlichtweg ärgerlich. Beinahe jeder Song - die alten ''Police''-Titel einmal ausgenommen - wurde auf vier verschiebbaren Leinwänden filmisch kommentiert. Ganz abgesehen davon, dass niemand multimediale Berieselung braucht, um Stings moralischen Impetus zu verstehen, wunderte man sich über die Inhalte: bauchtanzende Schönheiten, Frauen mit Hula-Hoop-Reifen, Stripperinnen, pittoreske Architekturbilder in Schwarzweiß beim 'Englishman in New York'. Da blieb nichts vage, nichts im Ungefähren. Erotisches mit dem Holzhammer. Das Kino im Kopf hatte absolut keine Chance.

Spätestens nach dem fünften Stück fiel das plakative Gewaber auf den Monitoren, das einem ''Sting pur'' und seiner durchaus wackeren Band die Schau stahl, mächtig auf den Wecker.

Dabei hat der 53-Jährige auch in seiner Leidenschaft für die Kulturen und Klänge des Orients einiges zu bieten - 'Desert Rose' (jetzt bitte keine Bauchtänzerin!) vom 99-er Album 'Brand New Day' ist eine fantastische Hymne. Das Duett 'Whenever I Say Your Name' mit Mary J. Blige hat einiges Potenzial - aber auch hier vereitelte die politisch korrekte Videopräsentation religiöser und politischer Symbole jeden Versuch, sich von der Musik tragen zu lassen.

Dass Sting seine Nummern, verglichen mit früheren Auftritten, kommentarlos absolvierte, fiel zwar auf, war aber kein Manko - ''erläuternde Worte'' hätten nur weiter zur Überladung beigetragen.

Doch was wäre ein ambivalentes Konzerterlebnis ohne ein Quäntchen Erfreuliches: Die ''Police''-Stücke mit ihren treibenden Rock-Rhythmen, der hervorragende Solist und Jazz-Trompeter Chris Botti, der schon im Vorprogramm eine bemerkenswerte Visitenkarte abgab.

Ein Hauch von Party-Stimmung im Publikum, als die ersten Töne von 'Roxanne' erklangen, zaghaftes Mitsingen zu 'Fragile'. Da, aber auch erst da, hatte man das Gefühl, einem alten Bekannten zu begegnen.

Nach zwei Stunden ein höflicher Abschied mit tiefer Verbeugung. Im Auto legt man die CD ein und hofft, dass Sting sich bis zur nächsten Tour auf die Qualitäten seiner Musik besinnt.

(c) Neue Westfalische by Heike Kruger

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