SHOW REVIEW

Leise Töne auf der Laute...

Sting gastiert mit Werken John Dowlands in der Stuttgarter Liederhalle

In der Ausprägung einer neuen Musikgattung hat sich das 21. Jahrhundert noch nicht besonders hervorgetan. Stattdessen begeben sich neuerdings Musikerinnen und Musiker weit in die Vergangenheit zurück, um nach den eigenen stilistischen Wurzeln zu graben und wenig Bekanntem Gehör zu verschaffen. Jazz-, Blues- und Folk-Einflüsse bereichern den Popeinheitsbrei, akustische Instrumente wie Harfe, Xylophon oder das Banjo bilden analoge Front gegen die digitale Tonerzeugungsmaschinerie.

Gordon Matthew Sumner, der unter dem Kosenamen Sting zum Star wurde, hat diese Entwicklung schon hinter sich. Er, der einst mit seiner Formation Police zunächst Reggae mit Punk und dann Rock mit Pop mischte und diese Mixtur, frisch wiedervereinigt, ab Herbst mit seinen Kollegen Copeland und Summers auf die Bühnen dieser Welt zurückbringen wird, erfand sich auf seinen Solopfaden immer wieder neu. Er kokettierte recht erfolgreich mit dem Jazz, probierte sich in Weltmusik und entdeckte, auf Anraten von Freunden, die Lautenmusik des Renaissance-Komponisten John Dowland (1563 bis 1623). Als er dann noch den bosnischen Lautenisten Edin Karamazov kennen lernte, dauerte es nicht lang, und das Projekt ''Sting goes Klassik'' wurde gestartet. Die beiden spielten eine Auswahl von Dowland-Balladen ein, die auf dem Album 'Songs from the Labyrinth' im Jahr 2006 veröffentlicht wurden.

Es geht also betont leise zu beim Konzert in der Stuttgarter Liederhalle. Die unvermeidlichen Huster keuchen gedämpft in die Taschentücher, jedes Rascheln ist deutlich vernehmbar, während Karamazov instrumental, unter anderem mit der Toccata von Bach, auf den Abend einstimmt. Seine virtuose Vorstellung kann nur noch durch die Ankunft des englischen Blondschopfes übertroffen werden. In einem schwarzen Anzug betritt er die Bühne, setzt sich an sein Mikro und stimmt 'Flow my tears' an - eine melancholische Ballade, wie es sie zuhauf aus der Feder Dowlands gibt. Der vermeintlich Geschmähte, der sich viele Jahre vergeblich bemüht hatte, am Hofe der englischen Königin Lautenist zu werden, verarbeitete seine Verbitterung und Enttäuschung in seinen Liedern. Seine hohe kompositorische Klasse, seine komplexe und vertrackte Melodieführung für Instrument und Sänger wurden zu seinem Empfehlungsschreiben für die Adelskreise in Europa, die seine Kunst zu schätzen wussten.

Sich der Herausforderung zu stellen, Dowlands Weisen neu zu vertonen, erfordert Mut. Daher hat Sting Gesangsunterricht an der Schola Cantorum in Basel genommen, um sich den großen Werken stimmlich gebührend zu nähern. Das hat sich in jedem Fall gelohnt, denn er besteht auch Parts, bei denen sich so manche Countertenöre die Stimmbänder verknoten. Und wenn mehr Volumen gefordert ist, bei den Stücken 'Can she excuse my wrongs' und 'Fine knacks for ladies' etwa, unterstützt ihn ein achtköpfiges gemischtes Vokalensemble. Spätestens bei 'Come heavy sleep' traut sich im Zuschauerraum keiner mehr, auch die Huster nicht, zu atmen. Einfühlsamer kann man dieses Werk nicht interpretieren.

Freilich werden hier und da kleinere Fehlbarkeiten offenbar. Sting ist kein Lautenist, bleibt der begleitende Part, während Karamazov die Melodielinien übernimmt. ''Ich hoffe, Sie haben gemerkt, dass ich den schwierigen Teil gespielt habe'', witzelt der Sänger auf Deutsch und stellt augenzwinkernd klar, dass er die eigenen Fähigkeiten richtig einschätzt. Und auch wenn er sich bei dem ein oder anderen Stück vokal durch die Übergänge schleift, dann darf das, muss sogar so sein. Jedes Arrangement lebt von der individuellen Note des Interpreten.

Die erprobt er zum Schluss noch am eigenen Stück 'Fields Of Gold' und 'Hellhound On My Trail' von der Blues-Legende Robert Johnson. Ihnen steht die ungewohnte Instrumentierung ganz gut, 'Message In A Bottle' auf Laute funktioniert jedoch nicht. Aber das gibt es ja schon bald wieder in der Originalfassung.

(c) Eßlinger Zeitung by Ole Detlefsen



Sting ganzleise aufder Laute...

Der Graf von Essex war einer der Liebhaber von Queen Elisabeth I von England, die auch als ''die jungfräuliche Königin'' bekannt war. Ende des 16. Jahrhunderts gab es Seeschlachten, Hinrichtungen und unglückliche Musiker. Der Komponist und Lautenspieler John Dowland war wohl der Begabteste. Und Gordon Matthew Sumner, Sting genannt, hat darüber viel zu erzählen. Er hat sich mit den 400 Jahre alten Geschichten und Balladen intensiv beschäftigt.

Mit Edin Karamazov aus Bosnien hat er sich einen bedeutenden Lautenisten der Gegenwart dazugeholt. Völlig unspektakulär wird die Laute als Klangraum im Beethovensaal der Liederhalle vorgestellt. Karamazov macht Fingerübungen auf der vielchörigen Laute und leitet mit Bachs Toccata auf Mr. Sumner über. Die unverkennbare Stimme Stings schwebt samtig weich und fein nuanciert über der blechern klingenden Zupf-Begleitung. Als roter Faden durch die melancholischen 'Songs from the Labyrinth' dienen Briefe Dowlands, die der studierte Lehrer vorliest und dabei Geschichtsunterricht erteilt.

Mit den vier Frauen und vier Männern des Londoner Chors Stile Antico wird die barocke Musik melodiöser. 'Flow my Tears', 'Have you seen the bright Lily grow', oder 'Fine Knacks for Ladies' heißen die Titel. Man nimmt Sting die Begeisterung ab. Mit Augenzwinkern öffnet er die Ohren des Publikums für ernste Stücke. Das Experiment glückt, Sting füllt Konzertsäle mit unpopulärer Musik eines barocken Liedermachers.

Doch geht ein Seufzer der Erleichterung durch die Reihen, als im Zugabeblock vertraute Akkorde kommen. 'Fields of Gold' in barocker Unplugged-Manier, der Robert-Johnson-Blues 'Hellhound on my Trail' mit Kojoten-Gejaule sowie 'Message in a Bottle', begleitet von Stile Antico. Ist Sting wieder bereit für Police?

(c) Stimme by Jürgen Senghaas

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