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Sting am Dienstag ins Zürcher Hallenstadion...

Yoga, Show - jedenfalls gut gemacht - Kunstvoll arrangierte Musik Sting begeistert einmal mehr im Zürcher Hallenstadion - Mit feinem Besteck geführten Stadionrock brachte Sting am Dienstag ins Zürcher Hallenstadion. Gegenstand des Vortrags waren sein aktuelles album 'Brand New Day' und Hits aus früheren Tagen.

Es ist ein wenig, als breche ein brandneuer Tag an, und dazu spiele aus der Anlage die vertraute Musik. Wenn Sting auf der Bühne sein aktuelles Album 'Brand New Day' vorstellt, kommt auch das schön und vertraut. Nichts irritiert. Noch nicht mal die von musiktheoretisch geschulten Ohren gezählten Neunachtel - und Siebenvierteltakte, denn ein Sting lässt auch vertrackte Rhythmen ganz eingängig klingen, dergestalt man sich fragt, warum sie überhaupt vertrackt sein müssen. Aber ein Sting-Konzert fragt nicht, da soll man auch nicht zurückfragen. Ein Sting-Konzert gibt, aus vollen Händen, kunstvoll arrangierte Musik, vollbrüstigen Gesang, Hits aus fernen und neueren Tagen. Da soll man auch geben. Begeisterung zum Beispiel.

''Grüezi'', sagt Gordon Matthew Sumner, den hier alle Sting nennen. Über seinen 48-jährigen Body spannt sich ein schwarzes, ärmelloses Leibchen und steht ihm gut. Versierte Musiker und eine stimmstarke Sängerin umrunden ihn. Sein Tourneealltag, lässt er auf seiner Web-Site wissen, besteht aus: 30 Minuten Soundcheck, 2 Stunden Yoga, Interviews, 2 Stunden auf der Bühne, 1 Drink und alsbaldigem Schlaf. Ein alles in allem erfreulicher Zeitgenosse steht hier auf der Bühne, man weiss um sein Engagement für die Umwelt und gegen Krieg. Das Konzert wird mit feinem Besteck geführt, seine überlegte Dramaturgie sorgt dafür, dass es auch nach eineinhalb Stunden noch mundet. Wie das Album eröffnet das Konzert mit 'A Thousand Years', einem Wohlfühl-Song der melancholischen Art, wie er für Stings Schaffen der Solojahre typisch ist. Schon folgt ein Rückgriff ins Frühwerk mit dem knackigen 'If You Love Somebody Set Them Free' aus Stings erstem Soloalbum 'The Dream Of The Blue Turtles' von 1985. Es folgen schöne Teile des aktuellen Albums, aber auch ältere Hits wie 'All This Time' oder 'Englishman In New York', schliesslich gar die unsterbliche Roxanne aus Police-Zeiten - ein wahrlich fantastischer Song. Während aber vieles an diesem Abend wie ab Platte klingt, wird ausgerechnet er zerspielt und zur Mitgröl-Nummer abgewertet.

Schon bei Police waren es Jazzfans, die den erfolgreichen Punk-Bastard spielten. Ähnlich funktioniert Sting auch solo: Seine Songs sind viel eklektizistischer und komplexer, als sie schliesslich über den Bühnenrand kommen. Immerhin hat er sich mit dem Trompeter Chris Botti und dem Pianisten Jason Robello zwei Jazzer in die Live-Band geholt, und so darf die Menge im Stadion keine zwei Minuten nach dem Gitarristen auch den Trompeter an der Rampe zum Solo in Rock'n'Roll-Pose begrüssen. Sting machts möglich: Der poppig aufgeschmolzene Country-Song 'Fill Her Up' franst im Jazz-Jam aus, die hellsichtige Eifersuchtsszenerie von 'Perfect Love...Gone Wrong' wird von einem leisen HipHop-Beat durchpocht und einer Miles-Davis-Trompete durchschliert, bis Schlagzeuger Manu Katché, nun auch vorne an der Rampe, einen Schwall frankophoner Raps losbricht.

Er liebe eben musikalische Bastarde, hat Sting unlängst in einem Interview erklärt. Seine Bastarde freilich kommen nicht von der Strasse wie der Köter, den man Rock'n'Roll nannte. Sie wachsen entrückt in Maisonette-Wohnungen auf und geraten gar wohl, freilich, aber auch etwas brav. Und sie sind für Intelligenz-Pop-Verhältnisse mitunter ganz schön klischiert - etwa, wenn die New-Orleans-Weise 'Moon Over Bourbon Street' natürlich aufgeraut und mit einem von Miles Davis zu Louis Armstrong mutierten Trompetenmann anmarschiert, oder wenn der aktuelle, durchaus reizvolle Hit 'Desert Rose' in eine prospekthafte Wüste führt und auf der Bühne prompt die Feuerchen brennen. So fällt es schwer, Begeisterung zurückzugeben. Die Band kann alles, verpasst aber den Soul, den Funk, den Rock und den Roll. Auch der Reiz, der musikalischen Bastarden gemeinhin innewohnt, die Reibung, die Überraschung, die Brechung der Konvention, der neu gefärbte Soul, er fehlt in Stings Musik. Herr Sumners Bastarde klingen wie aus dem Lehrbuch. Sein Auftritt ist handelsüblicher, gut gemachter Stadionrock, nicht mehr, nicht weniger. Etwas sympathischer als der Rest, das dann schon.

(c) Aargauerzeitung by Christoph Fellmann

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