SHOW REVIEW

Sumner in the City. Sting mit neuen Songs und neuem Image auf Tournee...

Ein merkwuerdiger Gesell reist alle paar Jahre durchs Land, macht halt hier und da und erzaehlt seine Geschichten. Viele gehen hin und lauschen und staunen. Auch diesmal. Im schlichten schwarzen Zwirn, den muehsam nach hinten gezwungen Blondschopf taktvoll nickend, das Saiteninstrument wie ein Bauchladen auf dem Wams - so tritt er vor die Menge und stimmt seine erste holprige Melodie an: If I ever lose my faith in you / There'd be nothing left for me to do.

Darum braucht er sich wahrlich nicht zu sorgen. Seit Jahren kann er den Leuten nahezu alles vorsetzen, vom Kinderreim bis zur Weltrevolution - egal. Massenandrang an Plattentheken wie in Konzertarenen ist ihm gewiss. Zum Auftakt seiner diesjaehrigen Tournee fuellt er gleich zweimal die Hamburger Sporthalle.

Einen dreisten Aufschneider nennen ihn die einen, ein wundersames Genie die anderen. Er selber nennt sich Sting. Nicht, weil es so sophisticated klingt; schon Spielkameraden haben ihn so gerufen wegen seiner Vorliebe fuer gelb-schwarze Pullover. Vor ein paar Jahren noch hat er in einer Band gespielt. Die hiess Police, war weder visionaer noch sonstwie bedeutend, aber doch auf ihre Weise verquer und originell - und, vor allem, zufaellig inmitten der Auf- und Umbruchswirren der Post-Punk-AEra besonders erfolgreich. So wurde Sting, Kopf und Komponist der Band, unvermittelt zum Revolutionsfuehrer und Leithammel einer neuen Generation ausgerufen. Das ist ihm ein wenig zu Kopf gestiegen, denn spaetestens seitdem es vorbei ist mit Police, geriert er sich als vermeintlich ruheloser Neuerer und Popstar fuer Anspruchsvolle (Zeit-Magazin). Musikalisch bedeutete dies bisher vor allen Dingen ein hilfloses und kunsttuemelndes Herumwuseln in der Klischee-Kiste. Ansonsten ein reichlich aufgesetztes Bohemien-Getue bei gleichzeitiger Dauer-Betroffenheit ueber die Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Jetzt, das zeigen seine juengste CD und auch seine neue Buehnenshow, besinnt er sich endlich wieder auf das, was er kann: Weder versucht er, Trends nachzuspueren, geschweige denn welche zu setzen, noch grosse Gedanken unters Volk zu bringen - er unterhaelt sein Publikum schlichtweg.

'Ten Summoner's Tales' heisst sein aktuelles Werk in Anlehnung an Geoffrey Chaucers mittelalterliche Anekdoten-Sammlung Canterbury Tales. Er spielt alle bis auf ein Stueck davon. In sparsam-klassischer Besetzung: Gitarre, Bass, Drums und Keyboard. Die Songs verlieren ein bisschen im Vergleich mit den Studiofassungen, dafuer sind die Zeiten vorbei, in denen noch die schoenste Melodie von nervtoetendem Fusion-Gewirr verhunzt wurde. Zwischendurch mal ein alter Police-Song fuer die Mitgroel-Fraktion, ansonsten inszeniert Sting, beinahe im Minnesaenger-Stil, eine ebenso witzige wie spannende kleine Maerchenstunde.

Summoners, zu deutsch: Gerichtsdiener, waren damals hoechst ungeliebte Zeitgenossen - denn ihre Aufgabe war es, Diebe, Ehebrecher und Gotteslaesterer zu orten und vor Gericht zu bringen. Fuer eine Zeile wie You could say I lost my believe in the holy church waere Sting vermutlich auf dem Scheiterhaufen gelandet. Sein amtlicher Nachname Sumner hat in den Summoners seinen Ursprung. Ein brutales, korruptes Pack - mithin das Gegenteil von Sting. Er wird sich, abgesehen vom Wortspiel, wohl was dabei gedacht haben, in ausgerechnet diese Rolle zu schluepfen. Zumal der Gerichtsbote, bei Chaucer wie bei Sting, nur einer von allerlei Spitzbuben ist, deren Abenteuer geschildert werden.

In Love is stronger than justice etwa, einer Morricone-maessigen Western-Nummer, streiten sieben Brueder um dieselbe Braut - bis der Ich-Erzaehler alle anderen um die Ecke gebracht hat. In dem kauzigen Schunkel-Schlager 'Seven Days' bereitet sich ein verzweifelter David liebes- und alkoholtrunken auf den Kampf mit seinem uebermaechtigen Nebenbuhler vor. Dann wieder, in der wundervollen Ballade 'Shape Of Your Heart', philosophiert Sting darueber, was man beim Kartenspielen fuers Leben lernen kann. Entspannt und augenzwinkernd swingt er durch seinen Fabel-und Melodien-Reigen. Fast eine Kabarett-Stunde. Das durfte keiner erwarten, gehoerte doch Humorlosigkeit bislang praktisch zu seinem Programm.

Die Fans honorieren es mit juchzender Begeisterung. Keiner sehnt sich nach den alten Weltverbesserer-Hymnen, niemand vermisst den frueheren Budenzauber. Auch auf die sonst obligatorische Videowand hat Sting wohlweislich verzichtet. Er weiss, es nutzt sowieso nichts: Set up a microscope and tell me what you see / You still know nothing about me, singt er. Wie wahr. Er ist ein merkwuerdiger Gesell. (Am 24. Maerz in der Muenchner Olympiahalle).

(c) Sueddeutsche Zeitung by Christian Seidl

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