Sacred Love
Nov
13
2004
Frankfurt, DEFesthalle
With Chris Botti
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Gewellte Oberfläche...

Ja, was will er denn nun? Da beschwört Sting seit 1978 eine gewisse 'Roxanne' flehentlich, sie solle das doch bitte lassen, das mit dem sexy Kleid, dem Auf-den-Strich-gehen und so. Und dann das: Auf der Bühne der Frankfurter Festhalle zieht sich eine Stripperin gekonnt bis auf BH, Strapsgürtel und Highheels aus - zwei Kolleginnen haben sich in ähnlichem Outfit zuvor genüsslich auf dem dreiteiligen Bühnenbildschirm geräkelt. Sex, wiederentdeckt? X-ter Frühling des 53-Jährigen? 'Sacred Love' - so der Titel seines aktuellen Albums - nicht heilig, sondern zum Hinlangen? Ja Sapperlott, Sting! Da passt doch was nicht.

Der Auftritt von ''Karolina'', wie sie nach ihrem Ausdruckstanz vorgestellt wird, bleibt nicht das einzige Zwiespältige des Abends. Sting 2004 in der Festhalle: Ist denn das überhaupt noch ein Rock-Konzert? Das Gros des Publikums jenseits der 30, kultiviert und zurückhaltend goutierend, was geboten wird. Und das kann sich durchaus hören lassen: Die siebenköpfige Band samt Frontmann souverän musizierend, stilübergreifend sattelfest und spielfreudig. Das Zuhören lohnt sich. Geschwitzt aber wird hauptsächlich auf der Bühne, im Saal dominiert das entspannte Genießen, die Arme verschränkt oder die Hände im Schoß, von ''abrocken'' keine Spur. Nach einer stressigen Woche in Büro, Schule oder Werkstatt geht das ja auch in Ordnung.

Aber erinnern wir uns: Sting und Police standen dereinst für enthemmtes Schwofen bei den einen, zumindest für nervöses Hinternwackeln bei den anderen (Männern), die angeblich nicht konnten, weil sie ihr Bier halten mussten. Das diese Zeiten vorbei sind, liegt natürlich an der Musik, die Sting heute macht - und die klar den ersten Teil des Konzerts dominiert. Die Kapelle in dezentem Schwarz lässt die ausgefeilt arrangierten Songs weich ineinanderfließen, die Stimme des ebenfalls in edlen Zwirn gewandeten Sting hat immer noch ihr rauchiges Timbre. Dazu flimmern Bilder über die Bildschirme, Landschaften im Mondlicht, Sonnenstrahlen, die in das Dunkel eines Waldes einbrechen, die sanft gewellte Oberfläche eines Sees. Alles sehr schön, sehr harmonisch - aber auch ein wenig blutleer. Und so jubelt das Publikum, als die ersten Takte des Police-Hits 'Every Little Thing She Does Is Magic' erklingen - hier zeigt sich, woher bei Police der Schmiss kam. Und bei den gefühlvoll intonierten Balladen 'Fragile' und 'Fields of Gold' leuchten auch mal Feuerzeuge auf.

Aber richtig in Wallung kommt man auf und vor der Bühne erst spät und ebenfalls mit älteren Songs. ''Be yourself, no matter what they say'' skandiert das Publikum die Botschaft des 'Englishman in New York'. Und dann, endlich: 'Roxanne', zu einem Medley von Police-Klassikern erweitert und für die Band Gelegenheit, sich mal gehen zu lassen. 'Desert Rose', ein Ausflug in die Weltmusik gemeinsam mit dem Rai-Sänger Cheb Mami, ist mitreißender Soundtrack für mehr oder weniger gelungene Bauchtanz-Versuche, bevor dann zum Rausschmeißer 'If I Ever Lose My Faith In You' allerlei kryptische Zeichen auf den Leinwänden erscheinen. Sie lassen das Publikum ein wenig ratlos zurück - wie das ganze Konzert.

(c) Frankfurter Rundschau by Erhard Lachmann

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