Symphonicity
May
26
2010
Wolfsburg, DEKraftWerk
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Sting bei Movimentos im Kraftwerk Wolfsburg...

Kleine Runde mit Superstar: Sting und das Bundesjugendorchester spielen beim Festival Movimentos im Kraftwerk Wolfsburg. 'Ick bin sehr glucklick, hier zu sein', sagt Sting.

Wohin nur mit den Händen? Für viele singende Rockmusiker ist das eigentlich kein Problem. Entweder bedienen die Hände eine Gitarre (Singersongwriter), umklammern hingebungsvoll das Mikrofon (Altrocker), stecken lässig in Hosentaschen (Mittelaltrocker) oder fuchteln in der Gegend herum (Rapper und Joe Cocker). Sting weiß nicht so recht. Jedenfalls an diesem Abend.

Er steht nicht wie auf seiner letzten großen Tournee am Bass seiner wiederbelebten Band Police. Sondern zwischen einem Orchester, dem Bundesjugendorchester, und einem Saal mit 1000 Menschen. Intime Runde. So intim, wie man Sting, einen der einflussreichsten Musiker der Popgeschichte, sonst nicht zu ­hören bekommt. Movimentos macht es möglich. Sting ist der große Name im achten Jahr des vom Tanz- zum Gesamtkulturevent upgegradeten Festivals in der Autostadt Wolfsburg. Für zwei Konzerte haben die Kuratoren ihn gewinnen können. Und nun steht der Herr Weltstar da hinter einem kleinen Podest und einem Glas Wasser und weiß nicht so recht, wohin mit seinen Händen. Meistens lässt er sie wie ein Liedsänger einfach neben dem Körper baumeln, manchmal legt er eine Hand aufs Herz, zeigt irgendwo hin oder klatscht ein bisschen mit. Manchmal kommt doch der Popstar durch, dann legt er die Finger hinter die Ohren oder animiert mit ausgebreiteten Armen das Publikum zum Mitmachen.

Das wiederum ist kein Problem. Schließlich hat er mit dem Orchester weder seine jüngst veröffentlichten Winterlieder einstudiert noch seine Lautenlieder, sondern seine lauten Lieder, PoliceLieder und Sting-Lieder, die allerdings in neuen, oft leisen, aber immer raffinierten Arrangements. Das Programm war vorher nicht verraten worden. Und wenn Sting 1000 glückliche Fans (beide Konzerte waren innerhalb von gut zwei Stunden ausverkauft) mit einem Best-of-Abend überrascht und das Kraftwerk zur Hitfabrik macht, kann man sich vorstellen, was im Saal los ist: Er hat sie alle von Beginn an im Sack. 'If I Ever Lose My Faith In You' macht den Anfang, beim 'Englishman in New York' ist die Stimmung schon ziemlich familiär. So, als ob Sting Gaststar auf einer netten Geburtstagsparty ist, auf der sich nicht nur die Gäste wohlfühlen. 'Ick bin sehr glucklick, hier zu sein', sagt er. Na, dann.

Das Bundesjugendorchester unter der Leitung von Steven Mercurio ist dabei mehr als ein Geigenteppich. Es ist seine Band. Sting hat zwar auch einige 'seiner' Leute dabei, unter anderem Gitarrist Dominic Miller, aber die Akzente setzen die jungen Klassiker. 'Roxanne' verwandeln sie in eine melancholische Ballade mit düsterem Unterton, es ist wie ein Soundtrack zu Stings Geschichte über die Prostituierte Roxanne. Für ein paar Töne kommt sogar Stargeiger und Sting-Freund Daniel Hope auf die Bühne. Hopes spontane Idee. Er hatte angefragt. Und Sting fand's gut.

Ohnehin ist bemerkenswert, wie das Orchester nach kurzer Probenzeit (drei Wochen allein, einen Tag mit Sting) und viel Herzklopfen vor dem Auftritt mit den Popmusikern harmoniert. Und immer das Maß findet. Zurückhaltend, wie es die Intimität von 'Shape Of My Heart' gebietet. Aber viel lieber arrangiert Dirigent Mercurio ein paar Ecken und Kanten in altbekannte Hits. Gerade in den Rockstücken wie 'Next To You' oder 'She's Too Good For Me' verschleppt oder verwässert der Klangkörper nicht wie oft bei Pop-Klassik-Melangen den ­Groove der Band, es schiebt ihn geradezu voran. Mercurio geht es ohren- und augenfällig genau darum. Er hüpft unablässig wie ein Kastenteufel auf seinem Podest auf und ab (ist ja auch ein Tanzfestival) und scheint jeden Einzelnen in der Tempospur halten zu wollen. Da freut sich sogar der Star: 'Ich hab' mich immer gefragt, ob Orchester Rock 'n' Roll spielen können', sagt er irgendwann, 'bis ich das hier hörte.' Ein Lob vom Chef, das tut gut. Aber zu diesem Zeitpunkt hat sich das Bundesjugendorchester längst die Nervosität aus den Kleidern gegeigt, geblasen und getrommelt. 'Irgendwann spielt man nur noch', sagt der 19-jährige Hornist Jared hinterher.

Bis dahin darf er noch ein paar Sting-Hits mit Sting spielen. 'Fields of Gold', eine hinreißende Minimusicalfassung von 'Moon over Bourbon Street', die Police-Klassiker 'Every Breath You Take', 'Wrapped around your Finger' und 'King of Pain'. Im Herbst wird Sting diese Songs zusammen mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra auf einer großen Tournee spielen, die auch nach Deutschland führen wird. Aber das exklusive Wolfsburg-Gastspiel wird etwas ganz Besonderes bleiben.

Am Ende zweier schöner Stunden wollen die Fans keine Ruhe geben. Sting kommt noch einmal im weißen T-Shirt raus. Er singt ohne jegliche Begleitung 'I Was Brought To My Senses'. Und fasst damit den Abend ziemlich gut zusammen.

(c) Hannoversche Allgemeine by Uwe Janssen

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